Deutsche Nationalmannschaft

Wie soll der Umbruch aussehen?

03.07.2018 Heute gegen Mittag bestätigte Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Fußballnationalmannschaft endlich das, was ich seit dem WM-Aus schon befürchtet hatte: Jogi Löw bleibt Trainer. Da auch Bierhoff selbst alles andere als den Anschein machte, dass er zurücktreten wolle, frage ich mich nun, wo man die tiefgreifenden Änderungen im DFB ansetzen möchte. In diesem Artikel möchte ich zunächst auf mögliche Kader-Änderungen eingehen. Wer macht weiter und hilft beim Umbruch? Wer sollte seine Fußballschuhe in der Nationalmannschaft besser an den Nagel hängen?

Umbruch im Tor ist möglich

Dass sich gerade die Weltmeister von 2014 nicht mit solch einer Leistung aus der Nationalmannschaft verabschieden möchten, dürfte den meisten klar sein. Unsere Nummer 1 hat sich in dieser Hinsicht allerdings überhaupt nichts vorzuwerfen. Manuel Neuer war auch bei der WM 2018, trotz seiner langwierigen Verletzung während der Saison, einer der wenigen Führungsspieler in diesem Team und konnte seine Leistung wie gewohnt abrufen. Trotzdem ist auch Neuer immerhin schon 32 Jahre alt. Mit Marc-André ter Stegen drängt bereits der nächste Torhüter mit Weltklasse-Format auf den Posten des Stammtorhüters.

Da brauchen wir uns also keine allzu großen Sorgen machen. ter Stegen hat zwar noch nicht die Ausstrahlung eines Manuel Neuers. Aber die wird er auch erst erreichen, wenn er in der Nationalelf Erfolg hatte. Dass Löw Neuer den Rücktritt nahelegt oder ihn nicht mehr nominiert, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn dann wird Neuer mit Blick auf seine Verletzungshistorie von sich aus sagen, dass er sich von jetzt an auf seinen Verein, Bayern München, konzentrieren möchte.

Hinter Neuer und ter Stegen sieht es dann aber auch schon eher mau aus mit Torhütern der Kategorie Weltklasse. Ich will mich aber nicht zu arg beschweren. Immerhin haben wir aktuell noch zwei davon. Andere Nationen wären wahrscheinlich immer noch froh, wenn sie wenigstens einen so starken Torwart hätten.

Durchschnittsalter in der Viererkette liegt bei 27,25

Am wenigsten Probleme was die Zukunft angeht, sehe ich in der Abwehr. Die Viererkette Kimmich, Boateng, Hummels, Hector hat zwar einen Altersschnitt von 27,25 Jahren und war auch alles andere als überzeugend in Russland. Abwehrspieler haben wir dennoch genügend gute in der Hinterhand. Mit Niklas Süle (Bayern München) und Antonio Rüdiger (Chelsea London) waren bereits zwei mögliche Säulen der Zukunft dabei. Außerdem sehe ich Jonathan Tah von Bayer Leverkusen bereits in wenigen Wochen im Aufgebot der Nationalmannschaft. Grundlegende Veränderungen müssen unter anderem bedeuten, dass Säulen der Mannschaft ausgetauscht werden. Ich kann mir daher vorstellen, dass mindestens einer der beiden Stamm-Innenverteidiger Hummels und Boateng in Zukunft nicht mehr nominiert wird, vielleicht sogar beide. Boateng ist in letzter Zeit doch sehr verletzungsanfällig und Hummels merkt man das Alter ebenfalls an. Sowohl in Puncto Beschleunigung als auch Endgeschwindigkeit laufen die jüngeren Verteidiger ihm den Rang ab. Strebt Löw also wirklich einen Umbruch an, so dürfte er die beiden nicht mehr nominieren. So einen krassen Schritt traue ich ihm allerdings nicht zu.

Kommen wir zu den Außenverteidigern. Auch wenn Kimmich für mich alles andere als ein zweiter Philip Lahm ist, wird er auch in Zukunft die Position des Rechtsverteidigers einnehmen – solange Jogi Löw mit Viererkette spielt. Auf der anderen Seite spielte in den letzten Jahren mit Jonas Hector ein bodenständiger, sympathischer Typ, der aber allenfalls ein guter Bundesliga-Spieler ist. In den Defensiv-Zweikämpfen ist er fast genauso anfällig wie Kimmich auf der anderen Seite. Macht Kimmich das mit seinen überragenden Offensiv-Aktionen wieder wett, so bleibt Jonas Hector uns dort ebenfalls vieles schuldig. Dazu kommt sein Alter und die Tatsache, dass der Augsburger Philipp Max eine herausragende Saison für den FC Augsburg gespielt hat. Zu guter letzt hat sich Hector dafür entschieden, seinem FC Köln beim Wiederaufstieg in die Bundesliga zu helfen – was ich ausdrücklich loben möchte. Alles in allem gehe ich davon aus, dass Jonas Hector in Zukunft nicht mehr zum Nationalmannschafts-Kader gehören wird.

Schaltzentrale „Defensives Mittelfeld“

Mit seinen 28 Jahren hat Toni Kroos schon fast jeden Titel gewonnen, den ein Fußballer gewinnen kann. Es fehlt eigentlich nur noch der Europameister-Titel. Nicht nur deswegen denke ich, dass die Schaltzentrale der deutschen Nationalmannschaft noch mindestens zwei weitere Jahre dran hängen wird. Ihm kann man auch nur wenig Vorwürfe machen. Er hat sich in Gefilde begeben müssen, in denen er sich einfach nicht wohl fühlt. Toni Kroos ist kein Lautsprecher, kein Führungsspieler, wie man ihn in dieser Situation gebraucht hätte. Das soll überhaupt kein Vorwurf sein. Das soll in gewisser Weise begründen, warum selbst Kroos auffallend mehr Fehler gemacht hat als gewohnt. Er konnte sich einfach nicht auf sein Spiel konzentrieren.

Auch weil neben ihm eine weitere Säule der letzten Jahre, Sami Khedira von Juventus Turin, überhaupt nicht sein eigentliches Potential abrufen konnte und einer der größten Schwachpunkte im deutschen Team darstellte. Viel zu hoch stehend, zu langsam im Umschaltspiel und überhaupt kein Faktor im offensiven Passspiel. Und somit auch kein Führungsspieler. Das war nicht der Khedira, dessen starke Leistungen uns noch vor vier Jahren zum Weltmeistertitel verholfen hatten. Der Stuttgarter ist mittlerweile auch schon 31 Jahre alt und gerade im zentralen Mittelfeld gibt es doch genügend Alternativen. So hätte beispielsweise ein Leon Goretzka, der nach starken Auftritten auf Schalke im kommenden Sommer zum FC Bayern wechselt, weitaus mehr Spielzeit verdient gehabt. Ich gehe daher davon aus, dass uns Kroos erhalten bleibt und Khedira am Ende seiner Nationalmannschafts-Laufbahn steht.

0 Kreativität im offensiven Mittelfeld

Kommen wir so langsam zu den größten Problemstellen. Im offensiven Mittelfeld wechselte Löw in jedem Spiel munter durch. Hier war überhaupt kein Plan erkennbar. Ich möchte fast von amateurhaften Fehlern sprechen, die dem Trainerteam da unterlaufen sind. Angefangen damit, dass die beiden Spieler Gündogan und Özil schon grundsätzlich hätten aus der Nationalmannschaft geworfen werden müssen, gab es auch aus sportlicher Sicht keinerlei Gründe dafür, Özil in die deutsche Stamm-Elf für dieses Turnier zu berufen. Gündogan spielte wenigstens noch eine sehr gute Saison für Manchester City. Also wenn überhaupt, hätte er mehr Spielzeit verdient gehabt. Auch wenn ich Gündogan als sympathischen Menschen kennenlernen durfte, hoffe ich, dass beide in Zukunft nicht mehr für unsere Nationalmannschaft spielen. Solange jemand mit dem Herzen nicht zu 100% dabei ist, hat er nichts in dieser Mannschaft verloren.

Ein weiterer Amateurfehler war dann der Umgang mit Thomas Müller. Sicher ist Müller nicht mehr die Granate, die er noch bis vor vier Jahren war. Dazu beigetragen hat hauptsächlich, dass er unter seinen letzten Vereinstrainern vor Jupp Heynckes oftmals als Rechtsaußen eingesetzt wurde. Das ist einfach nicht seine Position. Spätestens seit Heynckes ihn wieder hingebogen hat, weiß man das eigentlich. Nur bei Jogi Löw scheint das noch nicht angekommen zu sein. Müller spielte dementsprechend unterirdisch. So schlecht, dass er im letzten Spiel gegen Südkorea von Leon Goretzka ersetzt wurde. Ein zentraler Mittelfeldspieler ersetzt eine hängende Spitze auf der Position des Rechtsaußen. Ihr versteht? Dass es keine Alternativen gab, ist hierbei übrigens überhaupt kein Argument. Zum einen befanden sich mit Reus, Draxler und Brandt drei Spieler im Kader, denen diese Position eher liegt. Zum anderen gönnte sich Löw den Luxus, einen Leroy Sané zu Hause zu lassen. Die letzt genannten Spieler dürften auch in Zukunft zum festen Kader der Nationalmannschaft gehören, wobei ich da von Julian Draxler deutlich mehr erwarte. Auch Thomas Müller mit seinen 29 Jahren sehe ich in Zukunft noch im Kader, nur eben als zweite Spitze mit allen Freiheiten.

Der in den letzten Jahren von Verletzungen geprägte Marco Reus sollte in meinen Augen das Kapitel Nationalelf ad acta legen. Mit Beginn der kommenden Bundesliga-Saison wird auf ihn eine noch wichtigere Rolle bei Borussia Dortmund zukommen – er soll BVB-Kapitän werden. Auch beim größten Bayern-Konkurrenten der letzten Jahre, wenn man überhaupt von Konkurrenz in der Bundesliga reden kann, steht ein großer Umbruch an. Er sollte sich darauf konzentrieren, fit zu bleiben und seinem Verein zurück in die Erfolgsspur zu helfen.

Gute Mittelstürmer? Gibts nicht mehr in Deutschland

Jetzt aber zur größten Baustelle im deutschen Fußball. Seit einigen Jahren bereits ist die Ausbildung von Mittelstürmern in Deutschland nicht mehr existent. Nur weil der FC Barcelona und die damals dadurch geprägte spanische Nationalmannschaft ohne echten Mittelstürmer eine Vielzahl von Titeln abräumten, gingen die Verantwortlichen beim DFB davon aus, dass dies auch der richtige Weg für die deutsche Nationalmannschaft sei. Gute Spiele gab es mit Götze als falscher Neun nur wenige. Und bei der EM 2016 kamen wir auch nur deswegen bis ins Halbfinale, weil Löw irgendwann auf Gomez als Stürmer setzte, ohne dessen Verletzung wir vielleicht heute als Europameister dastünden.

Wie wichtig echte Mittelstürmer auch im heutigen Fußball sind, zeigt das Turnier in Russland auch wieder. So schießt ein Harry Kane die Engländer beispielsweise gerade mit seinem 6. Treffer ins Viertelfinale. In Deutschland gibt es auch in naher Zukunft keinen solchen Spielertypen. Timo Werner ist mit der Situation als alleinige Spitze der DFB-Elf überhaupt nicht klar gekommen. Im Verein, bei RB Leipzig, spielt er dauerhaft neben einem echten Mittelstürmer. Ähnlich wie Thomas Müller beim FC Bayern genießt Werner dort sehr viele Freiheiten und bewegt sich in den Räumen, die der jeweilige Mittelstürmer für ihn frei macht. Egal ob Robert Lewandowski bei Bayern oder Jean-Kévin Augustin bei Leipzig – die echten Mittelstürmer binden oftmals zwei Verteidiger und schaffen dadurch Freiräume für Müller oder Werner. Mir ist es ein Rätsel, warum solche einfachen taktischen Mittel noch nicht bei allen Fußball-Trainern angekommen sind.

Trotzdem wird der erst 22-jährige Timo Werner aufgrund seines Potentials auch weiterhin fester Bestandteil der Nationalmannschaft sein. Anders als die verbliebenen deutschen Mittelstürmer. Mario Gomez ist fast 33 Jahre alt, Sandro Wagner hat mitgeteilt, dass er keinen Bock mehr auf Nationalmannschaft hat. Und Petersen ist bei allem Respekt, aber ohne großartige internationale Erfahrung, kein Mittelstürmer für die deutsche Nationalmannschaft. Viel mehr gibts auf der Position in Deutschland leider nicht. Der Herthaner Davie Selke hat wenigstens Potential. Vom Typ her erinnert er mich aber zu sehr an Neymar. Selbstvertrauen ist gut und wichtig. Wenn das dann aber in Hochnäsigkeit und Arroganz umschlägt, sehe ich das überhaupt nicht gerne.

Deutschland auf dem Weg ins Mittelmaß?

Alles in allem sehe ich die Zukunft des deutschen Fußballs nicht so positiv, wie das vor wenigen Jahren noch der Fall war oder wie das wahrscheinlich immer noch viele Experten so sehen. Ich bin da ganz auf der Seite von Mehmet Scholl. In der Ausbildung der Jugendspieler wurden in den letzten Jahren Fehler gemacht, die man nicht von heute auf morgen beheben kann. Keine Außenverteidiger, keine Mittelstürmer, keine Spieler, die sich mal ein 1 gegen 1 zutrauen. Und vor allem keine Typen. Wer heute kein Ja-Sager ist, einen eigenen Kopf hat, der wird frühzeitig aussortiert. Aber oftmals sind genau das die Spieler, die sich am meisten entwickeln, die zu echten Führungsspielern heranwachsen und irgendwann den Unterschied ausmachen würden.

Ein echter Umbruch ist in der Mannschaft aus meiner Sicht also nicht möglich. Und wenn sich jetzt nicht einmal etwas auf der Trainer- und auf der Manager-Position ändert, ja was sollte denn dann in naher Zukunft besser werden?

2 Kommentare

  1. Paul sagt:

    Ich stimme mit dir vollkommen überein und wenn sich nicht grundlegend etwas ändert wird auch die EM zum Trauerspiel. Man kann die Entscheidungen von Löw als Außenstehender nur schwer begreifen, Spieler die eine gute Saison gespielt und sich weiter entwickelt haben werden zu Hause gelassen (Sane) und evtl unbequeme Spieler aussortiert (Wagner) und ich bin der Meinung das beide etwas hätten bewirken können. Dazu diese sinnlose Rotation im Offensivbereich, warum Brandt nicht mal von Anfang an? Warum ein technisch nicht so starker Spieler wie Müller auf der Außenbahn? Es sind einfach zu viele Dinge und Entscheidungen die nicht nachvollziehbar sind.
    Ich hoffe auf einen Umbruch und ein starkes Team bis zur EM aber ich bin auch genauso pessimistisch. Die ersten Länderspiele im September werden es zeigen.

  2. Peter sagt:

    Der Umbruch muss und wird passieren. Ich erwarte für September ein komplett anderes Auftreten der Nationalmannschaft. Dieses traurige gekicke während der WM war echt unausstehlich. Der Jogi wird die Jungs schon wieder in die Spur bringen.

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