Innovation fehlgeschlagen

Videobeweis sorgt für mehr Diskussionen als je zuvor

Spielszene

28.08.2017 Seit diesem Sommer existiert der Videobeweis auch in der Bundesliga, nachdem er zuvor beispielsweise im Confed Cup 2017 in Russland getestet wurde. Normalerweise bin ich ja der Meinung, dass man Neuerungen gegenüber in jeglichem Lebensbereich offen sein sollte. Bezogen auf den Videobeweis in der Bundesliga ist bei mir allerdings schon nach dem 2. Spieltag die Bewährungszeit zu Ende. 

Und dabei geht es mir nicht mal so sehr um die technischen Probleme, die an sich schon peinlich sind. Am ersten Spieltag fiel der Videobeweis in einigen Stadien komplett aus, die Funkverbindung zwischen den Schiedsrichtern auf dem Platz und den Videoschiedsrichtern in Köln funktionierte ebenfalls nicht reibungslos, und auch am zweiten Spieltag war die Abseitslinie beim Videobeweis nicht verfügbar.

Mir gehts es viel mehr darum, dass durch den Videoschiedsrichter ein weiterer Mensch in die Entscheidungskette integriert wurde, der sich trotz Ansehen der Fernsehbilder unsicher ist und teilweise sogar selbst Fehlentscheidungen trifft. Die Schiedsrichter auf dem Platz möchte ich nach den ersten beiden Spieltagen als Marionetten bezeichnen. Nahezu jede entscheidende Spielsituation wurde vom Videoschiedsrichter in Köln entschieden. Zumindest aus der Sicht der Fans und wohl auch aus der Sicht der Spieler musste dieser Eindruck entstehen.

Videoschiedsrichter greift viel zu oft ein

Und das entspricht überhaupt nicht den eigentlichen Vorgaben des Videobeweises. Es wurden ganz klare Regeln und Anwendungsfälle definiert, nach denen der Videoschiedsrichter vom Schiedsrichter auf dem Feld hinzu gezogen werden darf:

  1. – Tor/kein Tor
  2. – Rote Karte/keine Rote Karte
  3. – Elfmeter/kein Elfmeter
  4. – Spielerverwechslungen

Die finale Entscheidung liegt stets beim Schiedsrichter auf dem Platz. Der Videoschiedsrichter kann ihn nicht überstimmen. Eigentlich sollte der Schiedsrichter auf dem Platz also die Hosen anhaben. Dem war an den bisherigen Spieltagen leider nicht so. Waren sich die Schiedsrichter unsicher, ging sofort die Hand ans Ohr und es wurde auf eine Entscheidung aus Köln gewartet.

Wettbewerbsverzerrung durch den Videobeweis

Ich ging eigentlich davon aus, dass der Videobeweis viele klare Fehlentscheidungen verhindern soll und so im Millionengeschäft Fußball eben nicht Fehlentscheidungen dafür verantwortlich sind, wer es in die Europa League schafft oder wer auf einem Abstiegsplatz landet. Wenn das Ganze allerdings technisch noch nicht ausgereift ist, ist allein das schon Grund genug, den Videobeweis in der Bundesliga nicht einzusetzen. Hinzu kommt aber auch noch, dass viel zu oft vom Videoschiedsrichter aus Köln eingegriffen wird.

Die technischen Mängel und die Unklarheit wann der Videoschiedsrichter zur Beratung herangezogen werden darf führen dazu, dass die gleichen Anwendungsfälle auf unterschiedlichen Plätzen unterschiedlich bewertet werden. Und ist das nicht genau das, was der Videobeweis eigentlich verhindern sollte?

Erster Bundesliga-Videobeweis pro Bayern

Ich möchte an dieser Stelle auch gerne auf ein paar Beispiele eingehen. Angefangen bei der Bundesliga-Premiere für den Videobeweis im Spiel Bayern München gegen Bayer Leverkusen als Schiedsrichter Tobias Stieler nach einem Zweikampf zwischen Charles Aranguiz und Robert Lewandowski nachträglich auf Elfmeter entschied. Sowohl Stieler als auch mindestens einer seiner Assistenten hatten die Szene im Blick und entschieden auf Weiterspielen, möglicherweise weil das Halten des Chilenen nicht ausreichend stark war und auch weil Lewandowski die Flanke ohnehin nicht erreicht hätte. Eine halbe Minute später bekam Stieler dann vom Videoschiedsrichter aus Köln die Entscheidung Elfmeter aufs Ohr. Nicht der Mann auf dem Feld, sondern der Unbekannte in Köln sorgte somit für die Elfmeter-Entscheidung und damit auch für die Entscheidung in diesem Spiel. Während übrigens die Hälfte der restlichen Bundesligisten aufgrund der besagten technischen Probleme an diesem Spieltag überhaupt nicht vom Videobeweis profitieren konnten.

Leverkusen macht schlechte Erfahrungen

Am vergangenen Samstag des 2. Spieltags spielte Bayer Leverkusen die TSG Hoffenheim regelrecht an die Wand und verpasste es lediglich, die Tore zu erzielen. Vermutlich wäre das aber auch kein Problem gewesen, wenn vor dem Hoffenheimer 2:2-Ausgleich, der aus dem Nichts kam, das offensichtliche Foul von Uth an Benjamin Henrichs geahndet worden wäre. Hier muss man zunächst dem Schiedsrichter-Assistenten einen Vorwurf machen, der das Foul schon sehen muss. Aber zum Glück soll es für solche Zwecke ja den Videoschiedsrichter geben. Nur hat dieser in dem Moment wohl gerade seinen Mittagsschlaf absolviert. Spätestens nach der ersten Wiederholung wird klar, dass Uth – egal ob absichtlich oder nicht – den jungen Henrichs kreuzt und dieser aufgrund dessen zu Fall kommt. Foul und Freistoß für die Werkself wäre die einzige korrekte Entscheidung gewesen.

Nicht vorhandene Abseitslinie mitentscheidend für Eintracht-Niederlage

Auch die Frankfurter Eintracht war am Samstag von der Wettbewerbsverzerrung betroffen. Hieß es doch noch vor dem Spieltag, dass der Videobeweis an diesem Wochenende eingesetzt werden kann, jedoch aufgrund von technischen Problemen keine Abseitslinie zur Verfügung steht. Eigentlich auch eine klare Formulierung, bei der es nur schwarz oder weiß und eben keine Grauzone gibt. Als dann in der 29. Spielminute Kevin Prince Boateng im Strafraum elfmeterwürdig zu Fall gebracht wurde und Schiedsrichter Benjamin Cortus in Folge dessen auf Strafstoß entschied, staunte ich nicht schlecht, als er diese Entscheidung wenige Minuten später revidierte. Boateng war beim Zuspiel vermutlich knapp im Abseits, was Cortus vom Kölner Videoschiedsrichter aufs Ohr geflüstert bekam. Wie kann es dann sein, dass eben jener Videoschiedsrichter bei der wichtigsten Szene des Spiels auf Abseits entscheidet, obwohl ihm das an diesem Spieltag aufgrund der fehlenden Abseitslinie nicht zustand? Wäre diese Situation in den anderen Stadien genauso entschieden worden, obwohl das technische Hilfsmittel fehlte?

Derartige Situationen gab es viele, vor allem am 2. Bundesliga-Spieltag. Das zeigte auch der Sport1 Doppelpass am Sonntagmorgen. Fast die halbe Sendung über saß Schiedsrichter-Experte Bernd Heinemann mit in der Runde und kommentierte die oftmals fragwürdigen Szenen. Wie man es auch dreht und wendet. Der Videobeweis ist in der aktuellen Funktionsweise nicht Bundesliga-tauglich und sorgt für weniger Fairness als das vorher der Fall war.

Videobeweis raubt die Emotionen

Ein anderer Punkt, den viele Kritiker des Videobeweises vor seiner Einführung bereits bemängelt hatten, ist die Tatsache, dass durch seinen Einsatz die Emotionen im Spiel, auf den Tribünen und selbst vorm Fernseher verloren gehen. Fällt jetzt ein Tor, so wartet man zunächst die Reaktion des Schiedsrichters ab, der nach jedem Treffer mit der Hand am Ohr in Köln nachfragt, ob denn auch alles in Ordnung war.

Auch das kann so nicht bleiben. Die absolut große Mehrheit der Tore darf nicht hinterfragt werden. Sonst gehen die Emotionen komplett verloren. Erzielt eine Mannschaft ein Tor, so müssen Spieler und Fans das Tor ausgelassen feiern dürfen und von einer möglichen Überprüfung nichts mitbekommen.

Vergleiche mit Football und Eishockey hinken

Eines der stärksten Argumente für den Videobeweis war, dass er bei anderen Sportarten doch auch funktioniert. Gemeint waren vor allem Football und Eishockey. Aber auch hier sollte spätestens jetzt klar sein, dass dieser Vergleich hinkt. Im Fußball gibt es keine Unterbrechungen wie es sie im Football oder Eishockey von Haus aus gibt. Das Spiel läuft zweimal 45 Minuten. Einwürfe, Eckbälle, Tore oder ähnliches sind keine richtigen Spielunterbrechungen.

Im Football läuft das Spiel in Spielzügen, den sogenannten Plays, ab. Rund um die Plays sind Spielunterbrechungen. Im Prinzip gibt es in einem Football-Spiel mehr Unterbrechungen als gespielt wird. Nicht ganz so ist das beim Eishockey. Aber auch hier kommt es während eines Spiel-Drittels immer wieder zu Unterbrechungen, die dann mit einem sogenannten Bully fortgesetzt werden. Beide Sportarten sind also dafür bekannt und funktionieren mit Unterbrechungen. Diese nur aufgrund des Videobeweises beim Fußball einzuführen, ist nicht praktikabel und scheint von vielen unterschätzt worden zu sein.

Mein Fazit nach zwei Spieltagen ist, dass sowohl die Technik als auch die Anwendung des Videobeweises noch deutlich optimiert werden müssen. Dass die FIFA und die Verbände darin in Sachen Videobeweis einen Rückzieher machen, kann ich mir nicht vorstellen. Solche Niederlagen gestehen sie sich in der Regel nicht ein. Vielmehr kann ich mir vorstellen, dass der Videobeweis in seiner aktuellen Form ein weiterer Tropen auf den heißen Stein sein wird, der dafür sorgt, dass wir diesen Sport eben nicht mehr so lieben wie noch vor 5, 10 oder 20 Jahren.

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