EM 2016

DFB-Elf mit bisher enttäuschenden Auftritten bei der Fußball-EM in Frankreich

21.06.2016 Rechtzeitig vor dem entscheidenden dritten Vorrundenspiel gegen Nordirland möchte ich die bisher gezeigten Leistungen unserer Nationalmannschaft analysieren. Gleich vorweg: Wer hier auf der Suche nach Optimismus ist, der sollte jetzt lieber nicht weiterlesen.

Schwacher Auftakt gegen die Ukraine

Bereits im ersten EM-Spiel gegen die Ukraine war nicht alles so eitel Sonnenschein wie es das relativ deutliche Ergebnis von 2:0 vermitteln könnte. Zwar ging man sehr früh in der ersten Halbzeit durch eine Standardsituation in Führung. Was dann aber im zweiten Teil der ersten Halbzeit geschah, hat man in einem Pflichtspiel der deutschen Nationalmannschaft seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Man verlor komplett die Kontrolle und den Zugriff auf das Spiel. Nur einem überragenden Manuel Neuer und der nicht weniger starken Rettungsaktion von Jérôme Boateng hatten wir das 1:0 Pausenergebnis zu verdanken. Und obwohl die Ukraine nach der Pause ziemlich platt wirkte und die DFB-Elf das Spiel wieder kontrollierte, gelang es uns erst in der Nachspielzeit, eine Chance aus dem Spiel heraus zu kreieren. Fast symptomatisch dabei: Dies gelang nicht etwa gegen tief stehende Ukrainer. Sondern nach einem Eckball der Osteuropäer, der einen schnellen deutschen Gegenangriff zur Folge hatte und gleichzeitig den Höhepunkt des gesamten Spiels bedeutete. Denn der kurz zuvor eingewechselte Kapitän, Bastian Schweinsteiger, vollendete den Konter sehenswert zum 2:0-Endstand.

Gähnende Langeweile gegen Polen

Ein durchschnittliches erstes Spiel der Mannschaft also. Da das Team im zweiten Turnier-Spiel unter Jogi Löws Regie fast schon traditionell schwach auftritt, hatten die Experten im Topspiel der Gruppe C gegen die Polen kein Wunderwerk erwartet. Die deutlich unterdurchschnittliche Leistung der deutschen Elf hat mich also keinesfalls überrascht. Überrascht war ich eher von Polen. Von der Mannschaft um Weltklasse-Stürmer Robert Lewandowski hatte ich doch etwas mehr erwartet. Alles in allem gehörte dieses Spiel bisher zu den schlechtesten EM-Spielen. Hätte nicht Deutschland gespielt, hätte ich nach 30 Minuten umgeschaltet. Bezeichnend auch hier wieder: Wenn überhaupt eine Mannschaft eine Chance auf den Sieg hatte, dann war das Polen. Direkt nach der Halbzeit vergab Lewandowskis Sturmpartner Arkadiusz Milik eine 100%ige Chance. Deutschland hingegen hatte ohne Übertreibung keine einzige erwähnenswerte Torchance.

Hoffnungslose Offensive

Kein Tempo, keine Kreativität, keine Solo-Läufe. Die Außenverteidiger machen ihrem Namen alle Ehre. Sie verteidigen gut. Aber im Spiel nach vorne sind der technisch limitierte Bene Höwedes und der noch unerfahrene Jonas Hector einfach zu schwach. Dadurch fehlt es an Optionen im Angriff. Der Pass auf den mitspielenden Stürmer Mario Götze ist oftmals die einzige Möglichkeit. Die Folge daraus ist, dass die Gegner unser Spiel relativ einfach ausrechnen können. Auch Flanken haben wir bereits einige gesehen. Ich frage mich allerdings, wen diese Flanken erreichen sollen. Den im Vergleich zu den fast zwei Meter großen Abwehrkanten doch eher kleinen Mario Götze bestimmt nicht. Hinzu kommen müde wirkende Topstars wie Mesut Özil oder Thomas Müller. Ist dem Bayern-Spieler wenigstens in seinem Defensiv-Verhalten kein Vorwurf zu machen, so gibt es für Özil in beiden Spielen keine andere Note als die 6.

Das Konzept des mitspielenden Stürmers, auch falsche Neun genannt, ist ebenfalls nicht mehr State of the art. Erfunden vom FC Barcelona rund um den besten Fußballer der Welt, Lionel Messi, und kopiert von der spanischen Nationalmannschaft versprach das Konzept durchaus Erfolg. Der deutschen Nationalmannschaft ist das Modell aber noch nie gut zu Gesicht gestanden. Und alle anderen großen Nationen – auch die Spanier selbst – spielen mittlerweile wieder mit einem oder sogar zwei echten Stürmern. Mit Götze spielt nun also das ewige Talent, das beim deutschen Rekordmeister die meiste Zeit auf der Bank sitzt oder verletzt ist. Ja – er hat uns zum Weltmeistertitel geschossen. Aber auch 2014 war er keinesfalls Stammspieler, sondern lediglich Ersatz für Miro Klose.

Keine großen Veränderungen

Das Offensivspiel unserer Mannschaft ist also erschreckend. Und für mich besteht leider keinerlei Hoffnung mehr. Denn Löw hat in Pressekonferenzen bereits angekündigt, dass die jungen Spieler noch nicht so weit sind und Mario Götze weiterhin sein Vertrauen genießt. Gerade gegen so tief stehende Gegner wie die Nordiren sind Spieler wichtig, die technisch versiert sind und mit ihrem Tempo auch mal den einen oder anderen Gegenspieler stehen lassen können – prädestiniert dafür sind Marco Reus, Karim Bellarabi, Julian Brandt oder Leroy Sané. Reus ist verletzt, die beiden Leverkusener hat Löw lieber zu Hause gelassen. Bleibt also im aktuellen Kader nur noch das Schalker Riesentalent Sané. Doch wenn man Löws Worten Glauben schenkt, gehört dieser zu den jungen Spielern, die einfach noch nicht weit genug sind. An einen Startelf-Einsatz glaube ich daher kaum. Vielleicht sehen wir ihn im Laufe der zweiten Halbzeit.

Für taktische Änderungen wie beispielsweise die Umstellung auf eine Dreierkette während eines Turniers ist Löw ebenfalls nicht bekannt. Er wird also im großen und ganzen mit der gleichen Elf ins entscheidende Gruppenspiel gegen Nordirland gehen und hoffen, dass die einzelnen Spieler endlich an ihre Leistungsgrenze gelangen. Nordirland wird mit neun oder zehn Feldspielern um den eigenen Strafraum verteidigen und auf ein 0:0 aus sein. Ein Durchkommen wird für die deutsche Elf nur äußerst schwierig sein. Bleibt zu hoffen, dass uns ein frühes Tor gelingt und die Nordiren gezwungen sind, offensiver zu spielen. Dann sollte sich die Qualität der deutschen Elf durchsetzen und ein deutlicher Sieg herausspringen.

Alles andere als einen Sieg gegen Nordirland mag man sich nicht vorstellen. Und das soll keinesfalls überheblich klingen, sondern zeugt von einem Selbstbewusstsein, das man als Weltmeister haben ausstrahlen muss. Wie weit uns der Weg im Turnier noch führt, schaue ich mir in meinem nächsten Artikel an. Bis dahin hoffe ich, dass doch nicht alles so festgefahren ist wie ich mir das gerade vorstelle. Denn nur dann ist der Titel realistisch.

Über den Autor

Christian Schätzle
Christian Schätzle

Christian Schätzle gründete den deutschen Fussball Blog "Der Fussball-Blogger" im Jahr 2007 und ist bis heute als Redakteur an Bord. Seit seinem fünften Lebensjahr steht der Fussball für den hauptberuflichen Webentwickler fast immer an erster Stelle in seinem Leben. Diese Leidenschaft versucht er auch in seinen Artikeln zu transportieren. 2013 ließ er sich von der Leidenschaft der Fans von Borussia Dortmund infizieren und unterstützt den Verein seitdem in guten wie in schlechten Zeiten. Schätzle selbst spielte bereits bei drei verschiedenen Fussball-Vereinen im Herrenbereich und war zudem zwei Jahre als Spielertrainer tätig. Zusätzlich zum aktiven Spielgeschehen unterstützt er ehrenamtlich die Vorstandsarbeit des FC Hirschhorn.

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5 Kommentare

  1. HY sagt:

    Wie du ganz richtig beschrieben hast, hat Löw keine Ambitionen sein System zu ändern. Schon beim Interview mit Delling hat er zum Polenspiel gesagt, es hätte keine Veranlassung für eine Veränderung gegeben. Diese hätte meiner Meinung nach für Ihn wahrscheinlich erst bestanden, wenn wir ein Tor gefangen hätten. Ich gebe Dir recht, dass man sich für das heutige Spiel nur einen Sieg vorstellen kann wobei dies aufgrund der Gegebenheiten recht schwer fällt.

  2. jol sagt:

    Je nun, wär ja keine echte EM/WM, wenn sich die Fussballnation nach dem 2.Spieltag nicht in heller Aufregung befände und der Bundestrainer nicht alles falsch gemacht hätte…alle zwei Jahre dasselbe Theater…kann man fest buchen….:-)

  3. Sagichdoch sagt:

    Ich bin keiner der den Löw grundsätzlich kritisiert, aber dieses mal ist er mir einfach zu vorsichtig an die Aufgabe ran gegangen. Warum trau er sich nicht etwas zu verändern, wenn er sieht, dass es so nicht klappt. (Die ersten beide Spiele) Nach den kleinen Änderungen Kimmich/Gomez war es doch schon spürbar besser nach vorne.
    Leider hat er bei der Auswechslung von Göze wieder mal das alte Verhalten gezeigt, nicht Sane gebracht sondern den schon lange sehr lauen Schürrle. Da hat ihn der Mut verlassen, wenn er denn mal da war.

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