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Deutsche Nationalmannschaft in Brasilien unter Zugzwang

Ein großes deutsches Boulevard-Blatt stellt heute die Frage „Motzen wir zu viel an deutschen Siegen rum? Sind wir zu streng mit unseren Siegern?“ Darauf kann ich – auch nachdem ich noch ein paar Nächte darüber geschlafen habe – nur eine Antwort finden: „Nein!“

Die gleiche Nationalmannschaft, die uns bis Ende 2012 mit ihrem taktisch hochwertigen und spielerisch überragenden Fußball in ihren Bann gezogen hat, spielt nun einen Fußball, den man sich nicht mehr anschauen kann. Wäre es noch ein halbes Jahr bis zur Weltmeisterschaft in Brasilien, gäbe es nur die üblichen Kritiker. Doch leider befinden wir uns mitten in dem Turnier, welches für viele Spieler dieser Mannschaft bereits die letzte Weltmeisterschaft der Karriere bedeutet. Und so sieht ganz Fußball-Deutschland die nicht gerade überzeugenden Leistungen unserer Nationalelf. Natürlich ist an der Stelle Kritik angebracht. Das Motto „wenn nicht jetzt, wann dann“, welches gerne von uns Fans in Verbindung mit dem nächsten WM-Titel verwendet wird, gilt genauso für die Kritik, der sich das Team um Jogi Löw nun stellen muss. Wenn am 13. Juli nicht Deutschland den Pokal in die Luft hebt, ist es zu spät, um Fehler einzugestehen und Verbesserungen vorzunehmen. Noch wäre das möglich. Und da Jogi Löw keinerlei Verbesserungsvorschläge annimmt, muss die Kritik um so deutlicher ausfallen.

Selbst Fußball-Laien haben am Montag im Spiel gegen die USA bemerkt, dass Shkodran Mustafi und Benedikt Höwedes von ihren Kameraden im Offensivspiel regelrecht ignoriert wurden. Schuld daran sind weder die beiden Außenverteidiger noch deren Mitspieler. Beide spielen in ihrem jeweiligen Verein auf der Position des Innenverteidigers und haben sich so auch für die Nationalmannschaft qualifizieren können. Um auf der Position des Außenverteidigers überzeugen zu können, benötigt man einige weitere Attribute, die die beiden jedoch nicht vorweisen können. Beispielsweise sind beide Spieler im Spielaufbau limitiert. Es macht daher überhaupt keinen Sinn diese Innenverteidiger auf den Außenverteidiger-Positionen einzusetzen. Mit der Entscheidung schwächt Löw das eigene Team und auch die beiden Spieler in ihrer persönlichen Entwicklung. Denn sie müssen Kritik einstecken wie sonst niemand in der Mannschaft und das nur, weil sie eine Position spielen, auf der sie der Trainer einteilt.

So lernt man es nämlich in der Jugend: „Spiele auf der Position, auf der dich der Trainer einteilt!“. An diesen Grundsatz scheint sich unser Kapitän Philipp Lahm nicht mehr erinnern zu können. Denn bevor Jogi Löw sich die beste Position für ihn aussucht, stellt er lieber selbst klar, dass diese im defensiven Mittelfeld liegt. Die Leistungen sowohl bei den Bayern als auch bei der Nationalmannschaft zeigen allerdings deutlich, dass die sogenannte „Sechs“ nicht seine beste Position ist. Lahm ist ein Außenverteidiger von Weltklasse-Format, wahrscheinlich sogar der beste Außenverteidiger weltweit. Im defensiven Mittelfeld haben wir jedoch mit Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira zwei bessere Spieler, die beide fit sind. Unglaublich, dass einer der beiden auf der Bank sitzen muss, weil Lahm die Position im Mittelfeld für sich beansprucht. Diese Problematik zeigt, dass Löw nicht mehr genügend Autorität besitzt. Auch für das Frankreich-Spiel am Freitag plant Löw laut eigener Aussage wieder mit Philipp Lahm im defensiven Mittelfeld. Und das, obwohl das deutsche Spiel gegen Algerien erst dann besser wurde, als Lahm aufgrund der Verletzung von Mustafi auf seine angestammte rechte Abwehrseite wechselte und mit Schweinsteiger und Khedira das eingespielte Duo die Fäden im Mittelfeld zog.

Auch im Offensivbereich spielt Deutschland nahezu ausschließlich mit Alternativen. Thomas Müller, der für mich zu den wichtigsten Spielern gehört, macht zwar das beste aus seiner Rolle als Mittelstürmer, ist aber eigentlich im rechten offensiven Mittelfeld beheimatet. Mesut Özil, der aufgrund seiner schwachen Form seit Monaten eigentlich gar keinen Platz unter den ersten Elf verdient hätte, spielt stattdessen rechts außen, obwohl er der geborene Spielmacher ist und zentral spielen müsste. Und für Mario Götze findet Löw ebenfalls nicht die optimale Position. Sieht man mal von Torhüter Manuel Neuer und den Innenverteidigern Per Mertesacker und Mats Hummels ab, so muss man feststellen, dass es auf den anderen Positionen nicht wirklich passt. Zwar kommt es mir durchaus vor, als wäre unser Team eine richtige Einheit. Aber von einer eingespielten Mannschaft kann keine Rede sein.

Trotz allem und weil Frankreich mich bisher auch nicht überzeugt hat, glaube ich am Freitag Abend an ein Weiterkommen unserer Elf ins Halbfinale. Um das große Ziel Mitte des Monats erreichen zu können, muss sich an der Aufstellung aber einiges ändern. Sonst sehe ich da schwarz. Da es beim Turnier in Brasilien bisher keine Mannschaft gibt, die von der Leistung her absolut überzeugt und mit Italien und Spanien bereits zwei Mitfavoriten die Heimreise antreten durften, muss aufgrund der Qualität im deutschen Kader der Titel weiterhin das Ziel sein. Nach dieser WM wird ein Umbruch stattfinden. Da bin ich mir sicher. Die Nationalmannschaft ist also unter Zugzwang.

Über den Autor

Christian Schätzle
Christian Schätzle

Christian Schätzle gründete den deutschen Fussball Blog "Der Fussball-Blogger" im Jahr 2007 und ist bis heute als Redakteur an Bord. Seit seinem fünften Lebensjahr steht der Fussball für den hauptberuflichen Webentwickler fast immer an erster Stelle in seinem Leben. Diese Leidenschaft versucht er auch in seinen Artikeln zu transportieren. 2013 ließ er sich von der Leidenschaft der Fans von Borussia Dortmund infizieren und unterstützt den Verein seitdem in guten wie in schlechten Zeiten. Schätzle selbst spielte bereits bei drei verschiedenen Fussball-Vereinen im Herrenbereich und war zudem zwei Jahre als Spielertrainer tätig. Zusätzlich zum aktiven Spielgeschehen unterstützt er ehrenamtlich die Vorstandsarbeit des FC Hirschhorn.

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1 Kommentar

  1. A-Bell sagt:

    “Spiele auf der Position, auf der dich der Trainer einteilt!” Ganz genau! Damit regt mich der Lahm seit Tagen auf! Das ist vergleichbar mit der E-Jugend: „Wenn ich nicht Stürmer sein darf, wie der Müller,dann hol ich meine Mama!!!“
    Lächerlich,

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