Bombenanschlag auf BVB-Mannschaftsbus

Wie kann man da für heute das Nachholspiel ansetzen?

12.04.2017 Noch immer bin ich wegen des Bombenattentats auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund schockiert und teilweise fehlen mir sicherlich auch die Worte. Mit diesem Artikel möchte ich euch mein Unverständnis für die viel zu schnelle Ansetzung des Nachholspiels nahelegen.

Was war passiert?

Kurz nachdem der Bus des Bundesligisten Borussia Dortmund am Dienstagabend das Mannschaftshotel l‘Arrivée verließ, wurde er Opfer eines aller Voraussicht nach gezielten Sprengstoffattentats. Nur weil es sich bei den Fahrzeugscheiben um Panzerglas handelte, sprechen wir heute lediglich von zwei verletzten Personen. Neben BVB-Profi Marc Bartra wurde auch ein Polizist verletzt, der den Bus auf seinem Motorrad begleitete.

Kurz darauf wurde das eigentlich für Dienstagabend angesetzte Champions League Spiel im Signal Iduna Park gegen die AS Monaco abgesagt. Stadionsprecher Norbert Dickel, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Präsident Reinhard Rauball teilten den angereisten Zuschauern diese Information mit und bedankten sich für das allseits vorbildliche Verhalten der Fans. Die Eintrittskarten behalten auch für das Nachholspiel ihre Gültigkeit.

Wir haben einige Anschläge im Fernsehen gesehen. Natürlich war der Anschlag in Istanbul – in meinem Land – nah, aber gleichzeitig noch weit weg. Und gestern Abend haben wir gemerkt, wie es ist, in so einer Situation zu sein. Ich wünsche niemandem, ein solches Gefühl zu haben.

Nuri Sahin, Spieler von Borussia Dortmund

UPDATE: Mittlerweile hat der Hersteller des Mannschaftsbusses, MAN, mitgeteilt, dass es sich nicht um Panzerglas handelte. Vielmehr kam den Dortmunder Spielern zugute, dass sie im Bus relativ hoch sitzen. Die Gesamthöhe des Busses beträgt 3,85 Meter, allein die Fußhöhe beträgt 1,50 Meter.

Spielverlegung auf Mittwochabend

Gleichzeitig verkündete man, dass man sich mit UEFA und Monaco auf eine Neuansetzung am heutigen Mittwochabend um 18:45 Uhr geeinigt hat. Als Watzke als Grund zunächst angab, dass man dem anderen deutschen Spiel – um 20:45 Uhr spielen die Bayern gegen Real Madrid – nicht in die Quere kommen möchte, erklang sogleich ein lautstarkes Pfeifkonzert von der Südtribüne. Diesem Grund schob er aber hinterher, dass den Gästen aus Frankreich nur durch die frühe Ansetzung eine Rückreise am gleichen Abend ermöglicht werden kann.

Man hat uns keinen Gefallen getan, dieses Spiel anzusetzen, nicht mal 24 Stunden nach einem Anschlag. Ich hatte nicht eine Stunde Schlaf in der Nacht, das ist nicht die optimale Vorbereitung auf solch ein Spiel.

Roman Bürki, Spieler von Borussia Dortmund

Das Pfeifkonzert der Südtribüne kann ich nachvollziehen. Ich kenne genügend BVB-Fans, die große Anstrengungen unternommen und weite Reisen auf sich genommen haben, um am gestrigen Abend mit dabei sein zu können. Dass sie keine 24 Stunden später erneut diese Strapazen auf sich nehmen müssen, ist sicherlich nicht damit zu rechtfertigen, dass man dem Bayern-Spiel nicht in den Weg kommen möchte. Aus meiner Sicht geht es hier wie so oft im Fußball einfach nur um die Kohle: Zusätzliche Einschaltquote usw… Das zweite Argument mit der Rückreise des Gästeteams lasse ich da schon eher gelten. Und nach dem Pfeifkonzert hat man beim BVB auch nur noch davon gesprochen, um die Gemüter nicht unnötig aufzuheizen.

Kurzfristiges Nachholspiel ist inakzeptabel

Was ich aber überhaupt nicht nachvollziehen und akzeptieren kann, ist folgende Tatsache. Nur wenige Stunden nachdem ein gezieltes Sprengstoffattentat auf Menschen ausgeübt wurde, werden eben diese Menschen schon wieder gezwungen, ihren alltäglichen Job auszuführen.

Man muss sich doch nur mal in die Lage der Menschen im Bus versetzen. Kriegs-ähnliche Zustände hat der ein oder andere Spieler mittlerweile über Twitter beschrieben. Und man denke zurück an den Eingang dieses Artikels. Es hat nicht viel gefehlt und man wäre wahrscheinlich nicht mehr in der Lage, Fußball zu spielen. Oder sogar noch schlimmeres…

Ich weiß nicht, ob das die Leute verstehen können, aber bis ich in der zweiten Halbzeit auf dem Platz war, habe ich nicht an Fußball gedacht…Ich kann die Gesichter nicht vergessen. Ich werde ihre Blicke nie in meinem Leben vergessen können, ganz sicher. Als ich Marc (Bartra) sah, und Schmelles (Kapitän Marc Schmelzer) Gesicht. Unvorstellbar.

Nuri Sahin

Man kann doch nicht ohne Aufarbeitung des Anschlags – damit meine ich sowohl die polizeiliche als auch die psychologische Aufarbeitung – innerhalb von wenigen Stunden wieder zum Alltag übergehen. Und das dann auch noch damit zu begründen, dass der Terminkalender keine Alternative zulässt, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Die Termine werden vorgegeben und wir haben zu funktionieren. Wir hatten das Gefühl, dass wir behandelt werden, als wäre eine Bierdose an unseren Bus geflogen. Das hat die UEFA in der Schweiz entschieden. Das ist kein gutes Gefühl, es war ein Gefühl der Ohnmacht.

Thomas Tuchel, Trainer von Borussia Dortmund

Geld regiert die Fußballwelt

Wir erleben hier ein Ereignis, welches es in Europa zuvor noch nicht gegeben hat. Und ich bin auch immer der Meinung, dass das Leben nach Terrorakten oder ähnlichem schnellstens wieder normal weiter gehen muss, damit diese Idioten nicht gewinnen. Aber das gilt für die Allgemeinheit, für diejenigen, die diesen oder einen der vielen anderen Artikel über Attentate lesen. Die dürfen aufgrund solcher Ereignisse bestürzt sein und sollten dann aber auch wieder zu ihrem Alltag übergehen. Anders ist das in der heutigen Zeit leider nicht mehr möglich. Aber um die direkt von so einem Ereignis betroffenen Menschen muss man sich doch kümmern, ihnen unter den Arm greifen, wo man nur kann und vor allem Zeit zugestehen, um das alles verarbeiten zu können.

Wir sind keine Tiere. Wir sind Menschen mit einer Familie, mit Gefühlen. Das war der schwierigste Tag meines Lebens. Ich konnte nicht ans Sportliche denken.

Sokratis Papastathopoulos, Spieler von Borussia Dortmund

Dass der heutige Fußball nicht einmal mehr in der Lage ist, so einfache Grundsätze zu verfolgen, macht mich traurig. Und wieder kommen wir an den einen entscheidenden Punkt, warum das Fußballgeschäft heutzutage so unflexibel ist: Das Geld. Einschaltquoten, Terminkalender…Im Prinzip ist in diesem Geschäft mittlerweile alles wichtiger als die Menschen, die eigentlich die Hauptdarsteller in diesem Sport sein sollten.

Ich weiß, dass der Fußball wichtig ist. Wir lieben den Fußball, wir leiden beim Fußball und ich weiß, dass wir sehr viel Geld verdienen, ein privilegiertes Leben haben. Aber wir sind auch nur Menschen und es gibt sehr viel mehr als Fußball auf dieser Welt. Das haben wir vergangene Nacht gefühlt.

Nuri Sahin

Gute Besserung!

Ich wünsche Marc Bartra, dem ebenfalls verletzten Polizisten und natürlich allen anderen direkt betroffenen Menschen alles Gute. Natürlich werde ich mir das Spiel heute Abend anschauen. Natürlich wird das Stadion trotz der Strapazen voll sein. Und natürlich wird die Südtribüne – vielleicht sogar noch mehr als sonst – die Mannschaft anfeuern. Das Ergebnis ist mir heute aber egal. Ich kann diese kurzfristige Ansetzung nicht gutheißen.

UPDATE: Die Aussagen von Spielern und Trainer nach dem Spiel bekräftigen mich noch einmal in meiner Sicht der Dinge. Alternativlos war die Ansetzung vielleicht aus sportlicher Sicht. Aber der Sport ist im Leben nur eine Nebensache. Die Menschen in diesem Mannschaftsbus waren nicht in der Lage, sich auch nur halbwegs auf das Spiel vorzubereiten, teilweise haben sie kein Auge zugemacht seit dem Anschlag. Schade finde ich, dass die Mannschaft um Trainer Thomas Tuchel nicht einfach mal ein Zeichen gesetzt hat. Ich als Verantwortlicher wäre mit meiner Mannschaft nicht angetreten.

Über den Autor

Christian Schätzle
Christian Schätzle

Christian Schätzle gründete den deutschen Fussball Blog "Der Fussball-Blogger" im Jahr 2007 und ist bis heute als Redakteur an Bord. Seit seinem fünften Lebensjahr steht der Fussball für den hauptberuflichen Webentwickler fast immer an erster Stelle in seinem Leben. Diese Leidenschaft versucht er auch in seinen Artikeln zu transportieren. 2013 ließ er sich von der Leidenschaft der Fans von Borussia Dortmund infizieren und unterstützt den Verein seitdem in guten wie in schlechten Zeiten. Schätzle selbst spielte bereits bei drei verschiedenen Fussball-Vereinen im Herrenbereich und war zudem zwei Jahre als Spielertrainer tätig. Zusätzlich zum aktiven Spielgeschehen unterstützt er ehrenamtlich die Vorstandsarbeit des FC Hirschhorn.

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1 Kommentar

  1. Henry sagt:

    Hallo, vollkommen richtig! Mein erster Gedanke als ich davon hörte dass das Spiel schon am nächsten Tag sein sollte war dass es hier wieder mal nur um die Kohle geht. Die Hauptschuld liegt hier wohl wieder bei der UEFA, wobei ich auch das Präsidium und die Geschäftsführung des BVB zumindest teilweise in die Pflicht nehmen muss. Zu dem Zeitpunkt als der Ersatztermin bekannt gegeben wurde, ging es sicher auch für sie um das volle Stadion und die damit verbundenen Einnahmen. Hier hätte man als Arbeitgeber die Pflicht gehabt, seine Spieler zu schützen!

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