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Analyse: Wie gut ist Pep Guardiola wirklich?

Josep „Pep“ Guardiola, Bayern München von Thomas Rodenbücher unter CC BY 2.0

Gerade nach den letzten wenig erfolgreichen Wochen des FC Bayern München werden die Stimmen immer lauter, die in Pep Guardiola einen maximal durchschnittlichen Trainer sehen. In der Öffentlichkeit wird darüber vor allem seit dem Pokal-Aus gegen Borussia Dortmund diskutiert. Einer der Initiatoren war Lothar Matthäus. Nun springt ihm auch Bayern-Urgestein Oliver Kahn zur Seite. Grund genug für den Fußball-Blogger, um ebenfalls die Situation zu checken.

Ich denke, dass man differenziert an die Thematik herantreten muss. Guardiola gehört mit Sicherheit zu den besten Trainern auf dem Globus. Aber jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Der Spielstil, den die Bayern seit rund 2 Jahren pflegen, ist vor allem für die Bundesliga eine noch nie gesehene Attraktion. Bedenkt man wie schnell die Spieler diesen Stil umsetzen konnten, so muss der Trainer vor allem in Sachen Trainingsaufbau und Taktikschulung herausragende Fähigkeiten besitzen. Auch in der Außendarstellung ist Guardiola größtenteils eine positive Erscheinung. Stilvolle und elegante Kleidung, ein eloquentes, charismatisches Auftreten und selbst die Frauenwelt ist begeistert von ihm. Bereits vor Antritt seines Trainerjobs lernte er in nur wenigen Wochen so gut Deutsch, dass er sich auf Pressekonferenzen ausdrücken konnte. Der Ruf, den sich Guardiola während seiner Zeit in Barcelona erarbeitete, sorgte und sorgt dafür, dass die Bundesliga plötzlich ein Thema für Weltstars wie Xabi Alonso oder kommende Stars wie Thiago ist. Und auch die Marke „FC Bayern“ hat durch seine Verpflichtung gerade auf den amerikanischen und asiatischen Märkten einen großen Sprung nach oben gemacht und den Abstand zu den spanischen Top-Teams oder Manchester United deutlich verkürzt.

Aber Guardiola brachte nicht nur gute Zeiten mit sich. In seinem ersten Jahr, in dem das Triple im Nachhinein gesehen um einiges realistischer war, musste man sich ebenfalls im Halbfinale der Champions League deutlich dem spanischen Rekordmeister Real Madrid geschlagen geben. Mit einem Ergebnis von insgesamt 0:5 nach Hin- und Rückspiel hatte man nicht den Hauch einer Chance. Der deutsche Rekordmeister ging in der öffentlichen Wahrnehmung als leichter, für mich als klarer, Favorit in die Auseinandersetzung. Leider zeigte sich hier zum ersten Mal die Unflexibilität Guardiolas in Sachen Spielstil. München fuhr nach Madrid, um dort das Spiel zu machen und den Gegner so mit Ballbesitz zu zermürben. Real Madrid war darauf perfekt eingestellt, stand tief in der eigenen Hälfte, überlies den Bayern die Spielanteile und beschränkte sich seinerseits ab und an auf Kontermöglichkeiten. Somit war Bayern im Rückspiel in der heimischen Allianz-Arena noch mehr gefordert. Wieder versuchte man es über den Ballbesitz, wieder bekam man die Rechnung in Form von vier Auswärtstoren für Real Madrid. Für mich hieß der Sieger in der Partie Real Madrid – FC Bayern München: Carlo Ancelotti. Der italienische Meister-Trainer hatte in diesen beiden Begegnungen taktisch das bessere Händchen. Überraschenderweise änderte Guardiola im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund dann das System, passte es auf den Gegner an – wie er es auch gegen Real Madrid hätte tun müssen – und ging als verdienter Pokalsieger vom Platz. Heraus sprang immerhin das Double 2014.

2015 sollte alles besser werden und das obwohl nach dem Erfolg bei der Weltmeisterschaft in Brasilien mit Motivationsproblemen und einer größeren Verletzungsanfälligkeit zu rechnen war. Dem größten Konkurrenten der letzten Jahre, dem BVB, merkte man das an. Aber die Bayern spielten in allen Wettbewerben souverän jeden Gegner an die Wand und hatten wenig bis gar keine Probleme in der Hinrunde. Mit Beginn der Rückrunde zeigte das Team dann aber unerklärliche Schwächen. Das Ballbesitz-System Guardiolas schien seine Grenzen erfahren zu haben. Gegner, die halbwegs auf Augenhöhe waren, hatten plötzlich realistische Chancen, Punkte gegen den Rekordmeister einzufahren, indem man tief stand und die Bayern mit pfeilschnellen Offensivspielern auskonterte. So geschehen zu Rückrundenbeginn in Wolfsburg und im Frühjahr zu Hause gegen Borussia Mönchengladbach oder im Champions League-Viertelfinale beim FC Porto. Vor allem der in der Triple-Saison noch überragende Dante, aber auch ein Bastian Schweinsteiger oder ein Xabi Alonso fielen dabei meist als Schwachpunkte im Bayern-Kader auf. Aufgrund der herausragenden Hinrunde reichte es trotzdem für die souveräne Titelverteidigung in der Bundesliga.

Im Pokal konnte man sich zumindest ins Halbfinale gegen den BVB zittern, nachdem man im Viertelfinale starke Leverkusener im Elfmeterschießen bezwang. Da der BVB in dieser Saison sicher nicht zu den Top-Teams der Liga zählte und man zudem ein Heimspiel in München hatte, gab es selbst bei BVB-Anhängern nur wenig Hoffnung auf den Finaleinzug. Als Pierre-Emerick Aubameyang seine Borussia mit dem 1:1 wieder zurück ins Spiel brachte, war der Rekordmeister geschockt und von der klaren Überlegenheit, die die Bayern in den ersten 74 Minuten auszeichnete, war nichts mehr zu sehen. Hinzu kam, dass Arjen Robben nach nur wenigen Minuten auf dem Feld bereits wieder verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste. Robben überhaupt so früh wieder einzusetzen war die Entscheidung von Guardiola. Direkt nach Auftreten seiner Bauchmuskelverletzung war noch von 6 Wochen Pause die Rede. Das Pokal-Halbfinale gegen Dortmund fand allerdings genau fünf Wochen nach seiner Verletzung statt. Auch wenn es nun eine andere Verletzung ist. Sein Körper war einfach noch nicht so weit. Langjährige Bayern-Verantwortliche, beispielsweise auch ein Müller-Wohlfahrt, wussten das. Pep Guardiola war das aber egal. Des Weiteren war die Auswechslung des überaus sicheren Elfmeterschützen Thomas Müller ein womöglich entscheidender Fehler. Am Ende des Tages stand – wenn auch mit viel Glück – der BVB als Gewinner und Pokalfinalist fest, der mögliche zweite Titel war futsch und Guardiola hatte sicher seinen Anteil am Ausscheiden.

Das Duell mit dem FC Barcelona um den Einzug ins Champions League-Finale fand dann leider nicht auf absoluter Augenhöhe statt. Auf der einen Seite stand der wohl kommende spanische Meister um die Weltstars Neymar, Suarez und Messi, die sich in einer absoluten Top-Verfassung befinden. Und auf der anderen Seite stand der arg gebeutelte FC Bayern. Nach der frühen Meisterschaft war die Luft raus und fast täglich meldeten sich andere Spieler verletzt ab. Sowohl in der Offensivabteilung um Robben und Ribery, als auch in der Defensivabteilung um Badstuber und Alaba mussten Spieler mit Weltklasse-Format passen. Zwar konnte sich der Rest des FC Bayern immer noch sehen lassen. Um aber die zur Zeit wohl beste Vereinsmannschaft der Welt schlagen zu können, reichte es bei weitem nicht. Das machte vor allem das Hinspiel im Camp Nou deutlich. Aber auch im Rückspiel zeigte Barca zumindest in der ersten Halbzeit seine Qualitäten. In der zweiten Halbzeit kommt dann für mich wieder das Thema Pep Guardiola ins Spiel. Bei einem Halbzeitstand von 1:2 gibt es aus meiner Sicht zwei Möglichkeiten. Entweder man wirft die Flinte ins Korn, weil man sich in einer Halbzeit keine 5 Tore gegen den großen FC Barcelona zutraut. Oder man versucht noch einmal richtig Druck zu machen und ein frühes Tor zu erzielen. Von beiden Varianten war rein gar nichts zu erkennen. Barcelona machte nur noch das Nötigste, Bayern auch nicht viel mehr. Hier scheint die Halbzeitansprache bei der Mannschaft mal so überhaupt nicht angekommen zu sein. Und selbst als die Bayern mehr oder weniger aus dem Nichts das 2:2 und das 3:2 erzielten, gab es keine weiteren Impulse von außen. Man hatte immerhin noch fast 20 Minuten Zeit, um drei weitere Tore zu schießen. Ob Barca so einfach den Schalter hätte wieder umlegen können, werden wir leider nie erfahren. Denn der notwendige Impuls von außen, in Form einer Einwechslung eines weiteren Offensivspielers für einen Defensivspieler, blieb aus. Der arme Mario Götze, der zugegebenermaßen – aber übrigens genau wie alle anderen Bayern-Spieler – eine schwache Rückrunde spielt, wurde in der 87. Minute noch eingewechselt. Ein deutlicheres Zeichen für „Ich brauche dich nicht“ kann ein Trainer einem Spieler nicht geben, ohne es ihm direkt ins Gesicht zu sagen. Trotz der vor dem Rückspiel eher geringen Chancen auf ein Weiterkommen hat Pep Guardiola für mich also auch am gestrigen Abend entscheidende Fehler gemacht.

Die Argumente für und gegen Pep Guardiola wurden nun aufgelistet. Im nächsten Artikel findet ihr dann mein Fazit zum Thema „Wie gut ist Pep Guardiola wirklich?“.

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