19. Bundesliga-Spieltag

7 Spiele, 7 Fehler – Videoschiedsrichter zeigt sich von seiner schlechtesten Seite

Die Presse direkt unter der Loge

27.01.2019 Nachdem ich letzte Woche gesehen habe, dass der Videobeweis im American Football gar nicht so gut ist, wie uns das hier immer verkauft wird, scheint es so, als ob die Videoschiedsrichter im Fußball an diesem Bundesliga-Wochenende nachziehen wollen. In bisher 7 Spielen kam es zu genauso vielen zumindest fragwürdigen Entscheidungen. Für mich ist es mal wieder an der Zeit, den Videobeweis kritisch zu hinterfragen.

Vom American Football zum Fußball

Vergangenen Sonntag standen im American Football die beiden Finals um die Conference Championships an. Aufgrund einer klaren Fehlentscheidung setzten sich die Los Angeles Rams bei den New Orleans Saints durch und spielen dadurch am 03. Februar im Super Bowl um den wichtigsten Titel dieser Sportart. Es steht also ein Team im Finale, das es aus sportlicher Sicht nicht so sehr verdient hat wie sein Gegner. Und genau an der Stelle hätte der Einsatz von technischen Hilfsmitteln Sinn gemacht: Fehlentscheidung korrigieren und somit das richtige Team ins Finale schicken. Im American Football war ein Eingriff des Videoschiedsrichters an dieser Stelle aus Regelgründen nicht möglich. Das ist unschön. Aber man muss sich damit abfinden, weil es 100% geklärt ist.

Kommen wir jetzt aber wieder zurück auf unseren geliebten Fußball. Der Fußball scheint an dieser Stelle nämlich schon einen Schritt weiter zu sein. Hier kann und soll der Videoschiedsrichter bei klaren Fehlentscheidungen einschreiten. Die Frage, die ich mir in diesem Artikel stelle: Sind wir wirklich einen Schritt weiter? Denn beim Fußball ist und bleibt das größte Problem, dass man bei Zweikämpfen eben nicht zu 100% für die eine oder die andere Seite entscheiden kann. Womöglich macht es also sogar Sinn, dass der Einsatz des Videobeweises im American Football derart limitiert ist. Lasst uns einfach einmal die bisherigen Spiele am 19. Spieltag der Fußball Bundesliga durchgehen, um an dieser Stelle womöglich einen Schritt weiter zu kommen.

Kein Hand-Elfmeter in Bremen

Moisander trifft klar mit der Hand den Ball

Moisander trifft klar mit der Hand den Ball

Das beste Spiel des Spieltags war mit Sicherheit die Samstagabend-Begegnung im Weserstadion zwischen Werder Bremen und der Eintracht aus Frankfurt. Endlich mal wieder ein Topspiel, das den Namen verdient hat. Dieses Spiel hat wirklich viel von dem geboten, was es vorher versprochen hat und endete mit einem gerechten Unentschieden. Natürlich regt man sich auf Bremer Seite auf, dass man die Überlegenheit sowohl in Sachen Ballbesitz als auch bei den Torchancen nicht in einen Sieg ummünzen konnte. Genauso regt sich aber auch die Eintracht auf, die an diesem Abend nicht ganz ihr Potenzial abrufen konnte und dennoch in der Nachspielzeit einen Handelfmeter hätte bekommen müssen.

Der Arm ist nicht annähernd angelegt

Der Arm ist nicht annähernd angelegt

Nachdem Rebic und Haller aus der berüchtigten Frankfurter „Büffelherde“ bereits ihr Tor markierten, wollte sich der an diesem Abend noch leer ausgegangene Luca Jovic in der Nachspielzeit den Ball an Niklas Moisander vorbeilegen; der Bremer war in diesem Moment zudem noch letzter Feldspieler. Nur die Hand des Finnen verhinderte die 100%ige Torchance.

...und ganz klar innerhalb

…und ganz klar innerhalb

Auch wenn in den letzten Jahren die Schwächen bei der Hand-Regel offenbart wurden, sodass sie in diesem Jahr Gerüchten zu Folge überarbeitet wird, war dies eine eindeutig strafbare Aktion und somit mindestens Elfmeter für Frankfurt. Warum der Videoschiedsrichter in diesem Moment nicht eingriff: Man weiß es nicht. Scheinheiligen Ausreden wie „Die Aktion fand außerhalb des Strafraums statt“ entbehren jeglicher Grundlage wie das Bild zeigt, auf dem sich der Ball selbst 1 Sekunde nach der Handberührung noch auf der Strafraumlinie befindet.

Kalibrierte Abseitslinie verliert Spiel für Nürnberg

Ein vom Kampf geprägtes Spiel fand am Samstagnachmittag in Mainz statt. Gegner war der 1. FC Nürnberg. Aus Nürnberger Sicht Sozusagen die letzte Möglichkeit, die Mainzer noch einmal mit in den Abstiegskampf zu ziehen. Das Spiel stand lange auf Messers Schneide, bis der Nürnberger Angreifer Adam Zrekal in der 62. Minute zum 2:1 traf und so die Tür für einen Auswärtssieg ganz weit aufgestoßen hätte. Alle Wiederholungen zeigten: Gleiche Höhe, kein Abseits. Die Mannschaften standen bereits am Mittelkreis, um das Spiel fortzusetzen. Plötzlich rennt der Schiedsrichter in den Mainzer 16er und hebt die Hand. Der Videoschiedsrichter hatte ihm ins Ohr gefunkt: „Abseits“. Die kalibrierte Abseitslinie, die es seit dieser Saison in der Bundesliga gibt, hatte es bewiesen. Die Fußspitze des Nürnbergers war um einige Zentimeter weiter vorne als der Kopf des Mainzer Abwehrspielers.

Kalibrierte Abseitslinie. Bei einer anderen Einstellung war der Kopf des Verteidigers weiter vorne...

Kalibrierte Abseitslinie. Bei einer anderen Einstellung war der Kopf des Verteidigers weiter vorne…

Aber ist das die korrekte Auslegung der Abseitsregel? Nicht erst seit dieser Szene bin ich der Meinung, dass Abseits nicht durch eine kalibrierte Linie entschieden werden kann, und das aus zweierlei Gründen. Zum einen wird auch diese Linie basierend auf einer menschlichen Annahme angesetzt, wann genau der Ball den Fuß des Passgebers verlassen hat. Das geht aus Fernsehbildern niemals zu 100% hervor. Viel wichtiger ist aber doch, warum die Abseitsregel damals eingeführt wurde. Offensivspieler sollten keinen Vorteil gegenüber Defensivspielern haben. Nur sprechen wir von einem Vorteil, wenn wir erst nach Nutzung der kalibrierten Linie erkennen können, dass sich ein Spieler 10cm vor einem anderen befindet? Und wollen wir wirklich zulassen, dass sich der Profi-Fußball noch weiter vom Amateurfußball entfernt? Wie viele Tore in den letzten Jahrzehnten wären regelwidrig gewesen, hätte es diese kalibrierte Linie schon früher gegeben? Da sind wir aber schnell bei einer zweistelligen Prozentzahl – gleiche Höhe gibt es öfter als man denkt. Der Einsatz von technischen Hilfsmitteln soll für mehr Gerechtigkeit sorgen. Gerecht wäre aber gewesen, wenn dieses Tor gezählt hätte. Und zwar aufgrund von gleicher Höhe.

Rekik muss vom Platz fliegen

Rekik tritt Schöpf vom Platz - klare rote Karte

Rekik tritt Schöpf vom Platz – klare rote Karte

Bereits am Freitagabend standen sich Hertha BSC und Schalke 04 im Berliner Olympiastadion gegenüber. Dass uns dieses Spiel bereits zur Halbzeit 4 Tore schenkt, damit hätten wohl die wenigsten gerechnet. 2:2 war dann übrigens auch der Endstand in diesem Bundesliga-Mittelfeldduell. Fraglich ist aber wie das Spiel ausgegangen wäre, hätte der Videoschiedsrichter seinen Job gemacht. Denn bereits nach etwas mehr als 10 Minuten, noch beim Stand von 0:0, hätte Karim Rekik mit Rot vom Platz fliegen müssen. Der Berliner Innenverteidiger trat weit in der Schalker Spielhälfte Alessandro Schöpf vom Spielfeld. Der Schiedsrichter verwarnte Rekik lediglich mit einer gelben Karte. Klare Fehlentscheidung. Einfach nur unfassbar, dass es hier keinen Eingriff des Videoschiedsrichters gab. Schalke 80 Minuten in Überzahl und somit deutlich bessere Vorzeichen für einen Auswärtssieg wären die Konsequenz gewesen.

Kein Elfmeter für Hannover

Delaney trifft Sarenren Bazee deutlich

Delaney trifft Sarenren Bazee deutlich

Na klar sieht das Endergebnis im Spiel des Tabellenführers Borussia Dortmund gegen den Tabellenletzten Hannover 96 alles andere als knapp aus. Mit 5:1 schickten die Borussen die Gäste nach Hause und sorgten spätestens dadurch für die Entlassung von 96-Trainer André Breitenreiter. Was viele aber nicht wissen: Die Hannoveraner waren richtig gut im Spiel und hatten anfangs sogar ein leichtes Übergewicht. Selbst als der BVB nach einem schönen Doppelpass durch Hakimi in Führung ging, gab man sich noch lange nicht geschlagen und versuchte alles, um den Ausgleich zu erzwingen.

...egal aus welcher Perspektive

…egal aus welcher Perspektive

Kurz vor der Halbzeit dann eine Aktion, die das Spiel in eine andere Richtung hätte drehen können. Gestocher im Strafraum, der Ball springt zu Hannovers Angreifer Sarenren Bazee, welcher gerade aufs Tor schießen will, als ihn der Dortmunder Thomas Delaney ganz deutlich am Spunggelenk des Standbeins trifft. Zwar beschwert sich komischerweise fast kein Hannoveraner. Dennoch wäre genau das wieder der Einsatzbereich für den Videoschiedsrichter gewesen, was eine gelbe Karte für Delaney und, noch viel entscheidender, einen Strafstoß für 96 bedeutet hätte.

Kalibrierte Abseitslinie verhintert Wolfsburger Aufholjagd

Beim Spiel Wolfsburg – Leverkusen sorgte ebenfalls die kalibrierte Abseitslinie für mächtig Aufsehen. Wolfsburg lag im Verlauf des Spiels bereits mit 0:2 hinten, als man nochmal alles in die Waagschale warf. Konsequenz aus einem aufopferungsvollen Kampf war, dass Wolfsburg in der 67. Minute zum erhofften Anschluss traf. Der Treffer zählte zunächst und wurde dann nach Eingriff des Videoschiedsrichters fast 2 Minuten später aber doch noch zurückgenommen. Genau wie in Mainz handelte es sich um gleiche Höhe und erst die kalibrierte Abseitslinie könnte zeigen, dass Yunus Malli womöglich wenige Zentimeter im Abseits stand.

Ganz klar gleiche Höhe

Ganz klar gleiche Höhe

Die Problematik dabei habe ich oben bereits beschrieben. In dieser Situation war es nicht einmal der spätere Torschütze, sondern der Passgeber Malli. Das Bild zeigt das doch sehr gut. Wo ist denn da ein Vorteil? Malli achtet ja sogar darauf, dass er mit der Abwehrreihe auf einer Höhe steht. Ich wäre dafür, dass auch die Abseitsregel noch einmal überarbeitet werden muss, falls man wirklich weiterhin Abseits durch den Einsatz einer kalibrierten Linie entscheiden möchte. So wäre eine Art Toleranz angebracht. Wie im Verkehr beim Überschreiten der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit. So könnte man doch auch im Fußball, wenn es um Abseits geht, eine Toleranz von 1-2 Fußlängen einführen. Das allseits bekannte und akzeptierte Motto „Im Zweifel für den Angreifer“ wäre so wieder gültig und aus meiner Sicht auch gerecht.

Mehrere Szenen bei Gladbach – Augsburg

Zu guter Letzt noch das vom Kampf geprägte Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FC Augsburg. Klar ist doch, dass die Augsburger nach einer derartigen Negativserie nicht befreit aufspielen und somit ihr eigentliches Potenzial auch nicht ausschöpfen können. Sie müssen zur Zeit schon deutlich mehr Energie als sonst aufbringen, um in der Bundesliga Punkte sammeln zu können. Und natürlich fühlt man sich in solchen Momenten auch schnell mal von den Unparteiischen benachteiligt. Bei der Niederlage in Gladbach bin ich aber komplett auf der Seite von Augsburg-Trainer Manuel Baum und kann zumindest bei der zweiten Szene auch keine andere Sicht akzeptieren.

Neuhaus wartet auf den Kontakt

Neuhaus wartet auf den Kontakt

Fangen wir aber mit der ersten Szene an, die ohnehin keinen wirklichen Spieleinfluss hatte, weil Gladbachs Jonas Hofmann den Elfmeter verschoss. Aber beim Entstehen dieses Elfmeters sind wir wieder genau an dem Punkt, warum wir Deutschen heutzutage als ähnliche Schwalbenkönige gelten, wie es noch vor 20 Jahren die Italiener, und allen voran Filippo Inzaghi, waren. Das vielversprechende Gladbacher Talent Florian Neuhaus zog in den Strafraum und hatte nichts anderes im Sinne, als irgend ein Bein zu suchen, um sich fallen zu lassen. Und so kam es dann auch. Die leichteste Berührung von Augsburgs Morávec reichte aus und Neuhaus lag auf dem Rasen.

Wendt schießt aufs Tor

Wendt schießt aufs Tor

In England wäre er ausgelacht worden, in Deutschland gibt es für so etwas leider Elfmeter. Warum nicht auch einmal bei so etwas einschreiten liebe Videoschiedsrichter? Es ist nach Ansicht der Videobilder doch offensichtlich, was Neuhaus vor hat. Das bekommen wir aus den Spielern nie raus, wenn wir sowas weiterhin pfeifen. Trotzdem möchte ich natürlich auch fair bleiben. Regelkonform war es, dass der Videoschiedsrichter den Pfiff des Schiedsrichters nicht zurück nahm. Er darf ja nur bei klaren Fehlentscheidungen einschreiten.

Stindl steht im passiven Abseits

Stindl steht im passiven Abseits…

Eine klare Fehlentscheidung war dann aber die spielentscheidende Szene 10 Minuten vor Spielende. Oscar Wendt verwandelte eine zu kurze Faust-Abwehr des ansonsten überragenden Augsburger Schlussmanns Gregor Kobel zum 1:0. Der Linienrichter hob die Fahne. Das Tor zählte dennoch.

Gladbachs Kapitän Lars Stindl befand sich zunächst im passiven Abseits, wurde beim Schuss von Wendt aber offensichtlich aktiv und irritierte dadurch sowohl Torhüter Kobel als auch Innenverteidiger Kevin Danso, der als letzter Mann auf der Linie stand und bei freier Sicht hätte retten können.

...und wird dann aber eindeutig aktiv

…und wird dann aber eindeutig aktiv

Der Linienrichter hatte das korrekt gesehen. Der Schiedsrichter und auch der Videoschiedsrichter waren jedoch anderer Meinung. Eine nicht nur aus Sicht des Augsburger Trainers unfassbare Fehlentscheidung, die den FC Augsburg mindestens einen Punkt kostete.

Quo vadis Videobeweis

Ich hatte mir bereits letzte Saison vorgenommen, meine Beurteilung der Frage, ob der Videobeweis sinnvoll ist, nicht von einzelnen Spieltagen abhängig zu machen. Ich wollte immer wieder Saisonphasen abwarten, um ein möglichst umfassendes und objektives Bild zu bekommen. Aber wir laufen doch immer wieder in die gleichen Probleme. Eingangs dieses Artikels hatte ich mir noch die Frage gestellt, ob der Videobeweis im American Football dem des Fußballs hinterher hinkt. Aber vielleicht hat man sich dort damals ja genau die gleichen Gedanken gemacht und es für sinnlos befunden, den Videobeweis bei Fouls oder ähnlichem einzusetzen.

Meine Meinung ist und bleibt einfach die: Technische Hilfsmittel nur dann, wenn die jeweilige Aktion zu 100% damit aufzulösen ist. Und das sind Zweikämpfe im Fußball eben nicht immer. Meine Bedenken hinsichtlich der kalibrierten Abseitslinie habe ich oben bereits ausführlich beschrieben. Und was das Handspiel angeht: Solange die aktuellen Regeln Bestand haben, macht auch hier der Einsatz keinen Sinn. Es kann nicht sein, dass vergleichbare Handspiel-Situationen in einem Stadion zu einem Elfmeter führen und im nächsten Stadion nicht. Solange es Tatsachenentscheidungen eines Schiedsrichters auf dem Platz sind, kann man Fehler akzeptieren – auch wenn man im Nachgang immer wieder darüber diskutieren wird. Werden solche Fehlentscheidungen aber nach Ansicht diverser Zeitlupen von Personen getroffen, die aufgrund ihrer örtlichen Trennung überhaupt kein Gefühl für das Spiel entwickeln können, und dann auch noch in der einen Woche so und in der anderen Woche anders entscheiden, dann ist das nicht akzeptabel.

Alles in allem bleibt der Videobeweis weiterhin ein sehr interessantes Thema, über das möglicherweise auch in 10 Jahren noch diskutiert wird. Kurz anmerken möchte ich noch, dass ich in diesem Artikel absichtlich keine Schiedsrichter-Namen genannt habe, weil – zumindest in den meisten Fällen – nicht die Schiedsrichter für die oben beschriebenen Probleme verantwortlich sind, sondern die Regeln oder der Videobeweis an sich.

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